Zum Tod von Wolfgang Welt

Wir sind traurig. Wolfgang Welt ist gestorben. Den Schriftsteller und Nachtwächter, den wunderbaren »tapernden« Pop- und metamorphosen-Autor (zuletzt An der Baumgrenze, Nr. 11) aus Bochum haben wir 2013 getroffen und in unserer dritten Ausgabe porträtiert. Eine Erinnerung:

Statt eines Gesprächs

[Oktober 2013]

Der Schriftsteller und Nachtwächter Wolfgang Welt lebt in Bochum. Er gilt als der Vater des deutschen Popromans. Das ist so ziemlich alles, was man über den 60-jährigen sagen kann. Nur, dass der Beruf Schriftsteller eigentlich eine Verlegenheitsbezeichnung für etwas vollkommen  anderes ist – genauso wie Interview hier auch nur aushilfsweise stehen muss für eine Begegnung der merkwürdigeren Art. Und etwas hat er, Welt, auch mit dem Wahnsinn am Hut, deshalb haben ihn die metamorphosen in seinem Bochumer Stammlokal, dem Tucholsky, getroffen.

Von Michael Watzka

Ob es nun gut war, den Titel des zuletzt erschienenen Interviews mit Wolfgang Welt erst nach dem Treffen gelesen zu haben, lässt sich hinterher nicht mehr sagen, jedenfalls schien die dort eingangs gestellte Frage Warum war ich eigentlich in Bochum gewesen? Über ein Interview, das mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet hat sehr treffend für genau das zu stehen, was ich selbst kurz zuvor erlebt hatte. Wolfgang Welt, das ist schnell erzählt, wurde 1952 in Bochum geboren und kam außer ein paar Wochen London nie groß raus aus dem Pott. Er arbeitete und arbeitet bis heute als Nachtwächter, zuerst in der Ruhrlandhalle, dann im Rathaus und seitdem im Schauspielhaus, nebenher schrieb er immer wieder Artikel für verschiedene Musikzeitschriften wie das Bochumer Stadtmagazin Marabo oder den Musikexpress. Das kann man im Klappentext seiner Romane nachlesen oder aber, sehr viel genauer und ohne Veränderung, auch in den Romanen selbst, denn beide handeln von ein und demselben: dem Autor. Seit Mitte der 80er Jahre veröffentlichte Welt nämlich in unregelmäßigen Abständen vier Romane, so weiter im Klappentext, zunächst beim Konkret Verlag, zuletzt 2009 bei Suhrkamp. Wenn man ihn um ein Treffen bittet, erfährt man zum Beispiel, dass er gerade am Drehbuch zu Peggy Sue arbeitet, seinem ersten Roman, benannt nach dem gleichnamigen Song von Buddy Holly. Ob er denn nun wirklich der Vater der Pop-Literatur sei? »Die Leute suchen immer nach dem ersten Pop-Roman; hier ist er.« Seit einigen Jahren wird er nun auch von Wissenschaftlern wahlweise zum »größten Erzähler des Ruhrgebiets«, einer Randfigur der Literaturgeschichte, schlicht zum »Fall« (Peter Handke) oder dem Vater des deutschen Pop-Romans erklärt. Die späte Wiederentdeckung seines Werks scheint ihm allerdings ziemlich egal zu sein (»Ach, da scheiß‘ ich doch was drauf«), Titel wie die eben genannten nimmt er »zur Kenntnis«.

Wo stand das nochmal?

Treffpunkt ist das Tucholsky, ein Laden, der einem schon vorher bekannt ist, wenn man auf der Zugfahrt etwa nochmal in Doris hilft liest, eben jenem 2009 erschienenen Roman, der von Welts Werdegang nicht zuletzt als Schriftsteller erzählt. Denkt man an die dort gehegten Ambitionen des jungen Musikredakteurs, könnte man meinen, Welt müsse jetzt am Ziel sein. »Peggy Sue war doch kaum von den Lektoren gelesen worden. Man mußte wahrscheinlich Beziehungen haben, aber die hatte ich nur zu Suhrkamp«, resümiert der Gelegenheitsskat- und Fußballspieler in Doris hilft mit Blick auf seine Karriere, die so richtig nie eine war. Als ein Leitfaden zieht sich der Kontakt zu Suhrkamp-Lektor Müller-Schwefe durchs Buch, eine Veröffentlichung kommt aber lange Zeit nicht zustande. »Ich schrieb keine Suhrkamp Literatur, das bildete ich mir jedenfalls ein.«
Ob er also am Ziel angekommen sei, frage ich nach im Tucholsky? »Hat sich groß eigentlich nix verändert. 2000 Mark mehr für das Buch.« Hätte sich denn was verändern sollen? »Nö. Ich wäre gerne berühmt gewesen, so vor 20 Jahren. Heute will ich meine Ruhe haben und ’n paar Mark verdienen. Ich arbeite ja für ’nen Hungerlohn im Schauspielhaus.«
Das Schauspielhaus, von dort kommt er gerade. Nach einer Nachtschicht und nur drei Stunden Schlaf wirkt er etwas müde und abwesend, auf den ersten Blick auch ein wenig apathisch, und nickt immer wieder kurz weg. Die dreißig Minuten Sprachaufnahme sind dann weder akustisch noch inhaltlich irgendwie verwertbar und die Fragerei wird schnell peinlich, merke ich beim Nachhören sowohl als auch schon währenddessen. Nach zwei Cappuccino machen wir uns dann auch auf die Socken. »Woll’n se noch was fragen oder sind se fertig?« Ich schalte das Handy ab und wir gehen spazieren; unser Ziel ist jetzt der Bühneneingang vom Schauspielhaus. Das Drehbuch, erzählt er unterwegs, von dem er in der Mail geschrieben habe, sei allerdings noch immer nicht ganz fertig. »Ich hab’s erst mit der Hand geschrieben, hier auf der Arbeit, jetzt muss ich’s noch tippen.« Wie man das denn mache, ein Drehbuch schreiben? »Einfach Dialoge und Szenen. Ist mir nicht so schwer gefallen. Die halten mich ja auch für ein Genie dort, ich soll ja nix ändern und alles so lassen«, grinst er, Musik wünsche er sich, na klar, von Buddy Holly.
Das Schauspielhaus, das ist der Ort, wo Welt Nacht für Nacht arbeitet, dabei Charts hört und liest, und manchmal, wie jetzt gerade am Drehbuch, nebenher schreibt. Legendär ist weiterhin sein Spind, über den es auch eine Geschichte gibt, und in dem er allerlei Bücher und anderen Kram aufbewahrt. Das steht so im letzten Roman, wo erzählt wird, wie er sich allmählich die Namen der dort ein- und ausgehenden Schauspieler und deren Geschichten merkt, und Welt erzählt es jetzt auch am Bühneneingang, wo die Frau von der Frühschicht in einem Aldiprospekt blättert und grüßt. Ob sie als eine der Ullas oder Hildes aus dem Roman wiederzuerkennen wäre, lässt sich auf den ersten Blick allerdings nicht sagen.
Dabei wird (nämlich) ein Problem offenbar, dass vor allem die sortierende Nachlese des Interviews besonders schwierig macht: Wer spricht, oder sprach da eigentlich, wer hat was gesagt? Woher kam das, mit Handkes Tormann beispielsweise, einer Lektüre, die für den 17-jährigen Welt »einer Erweckung!« gleich kam? Oder die Begegnung mit dem Schriftsteller Hermann Lenz? Hat er das erzählt, habe ich es selbst vorher noch im Zug nachgelesen, oder stammt es aus dem kurzen, eingangs zitierten Interview? Genauso wenig, wie das im Nachhinein zu klären ist, sind bei Welt Leben und Schreiben zu trennen. Wenn man das herunterbricht, ist man hier eigentlich schon am Kern der Welt’schen Poetik angelangt (wenn es so etwas gibt, nachgefragt habe ich nicht; als Antwort würde ich hier jetzt sicher irgendwas zitieren wie, »Hm, ja schon, ich mach ja keine Fiktion«). Es geht schlicht um die Gemengelage von Realität und Fiktion, die, im Falle Welts, eben keine ist, sondern sie als zwei Begriffe für ein und dasselbe behält, keinen Unterschied macht. Und deshalb erfährt man im Gespräch mit ihm nicht viel neues – es ist eher so, als würde man einzelne Passagen aus seinen Texten noch einmal nachlesen, oder als würde ein Fortsetzungsroman zu bestimmten Episoden und Zusammenhängen des Vorgängers mit etwas Hintergrundinformation aufwarten.
Er sei ein Märchenerzähler, gibt er, angesprochen auf eine Stelle im letzten Roman, zu, »aber Märchen müssen ja nicht erfunden sein.« Neunundneunzig Prozent bei ihm seien wahr, der kleine Rest nicht. Das eine Prozent entspräche in etwa auch der Nachbearbeitung seiner Texte, wie beispielsweise durch seine erste Lektorin beim Konkret Verlag: »Geändert hatte sie nicht viel. Ich änderte auch nicht mehr viel, wollte nur den Namen Flora Soft ändern, weil ich geschrieben hatte, sie hätte einem italienischen Polizisten einen geblasen, damit ein Freund mit Dope aus der Haft kam. Ute schlug nach einigen Tagen Zewa Moll vor. Ich war einverstanden.« Und weil das alles so in Doris hilft nachzulesen ist, das ja ebenfalls lektoriert wurde, darf man also raten, wie die Dame nun wirklich hieß. Melitta Mild? Milka Zart? Jona Gold?

Allerwelts Geschichte(n)

In einer Doppellesung mit Rainald Goetz und Diedrich Diederichsen ging es vor etwas mehr als einem Jahr um das Gesetz der Serie, also die Ästhetik sich täglich fortsetzender Fiktionen im sogenannten öffentlichen Diskurs. Beispiele dafür waren die täglichen Enthüllungen in der Affäre Wulff, Kriege rund um die Welt, royale Babys und anderes – Tagespresse also. Als Leitsatz wurde ausgegeben: alles ist Fiktion. Selbst das Reale, in das die öffentlichen Diskurse als tägliche Serien ja hineinspielten und das im Grunde eine fortgesetzte Serie von Eigenfiktion, Projektionen von Wünschen, oder das Erstellen von teleologischen Lebensnarrativen, eben Selbsttäuschung sei – das berühmte alles passiert aus einem Grund. Wolfgang Welt hat das erkannt, alles weggelassen und dann einfach seine tägliche Wirklichkeit, so unspektakulär die sein mochte, zum Buch – oder eher: zum Werk erhoben. Die Kunst besteht dabei darin, die alltäglichen Banalitäten und die nüchterne Alltagsrealität eines sich durchs Leben mogelnden Möchtegern-Schriftstellers, pummeligen Anti-Frauenhelden und an sich selbst scheiternden Dauerstudenten zu nichts anderem zu machen, als es ist, nur ungeschönt zu beschreiben. Ein Lebensentwurf (entwerfen klingt dabei zu aktiv, eher eine Lebensart), den man in Rezensionen von Welts Werk gerne unter dem des Versagers subsumiert liest, der aber, in seinen Eckpunkten, mehr oder weniger dem Ideal-Standard Lebensentwurf von XY aufs Haar gleicht, vermutlich die aktuelle Lebenslage der allermeisten beschreibt. Wolfgang Welt ist nur der Idiot, der Narr, der es ausspricht und dadurch zum Adressaten unseres dadurch leicht verdienten Mitleids wird – aber auch unserer Furcht; der Furcht davor, genauso zu werden oder, Gott behüte, womöglich bereits zu sein. »Das Leben«,  heißt es in Shakespeares Macbeth, »ist ein Märchen, erzählt von einem Idioten, voll von Klang und Wucht, und es bedeutet nichts.« Ein wenig lacht man auch, wenn man ihn, den Idioten, dort tanzen und »tapern« sieht, wie Welts Entdecker Peter Handke in einem Vorwort diese tastende Grundbewegung beschreibt: ein Tapern, das ein »unablässiges greifen nach etwas« sei und »zugleich schon ein ebenso ständiges Fallen lassen«. Man lacht, aber es ist ein bitteres Lachen, über den, der da tanzt und sich um das Leben erzählt – ein Lachen, das einem mitunter im Halse steckenbleibt, stellt man fest, dass man genauso gut selbst gemeint sein könnte, an seiner statt dort stehen könnte und tanzen, oder es aber längst jeden Tag tut, nur sieht es keiner, weil man selbst anstatt vom Grau-in-Grau zu erzählen lieber Farbe zum traurigen Spiel gibt und großzügig retuschiert. Wolfgang Welt also schreibt sein Leben auf, oder stellt dessen Vergeblichkeit aus.
Sein großes Vorbild ist der weiter oben erwähnte Hermann Lenz und dessen autobiografisches alter Ego Eugen Rapp. Ein wenig muss man auch an Johann Peter Hebel denken und dessen Kalendergeschichten (Welt: »Nie gelesen, wollte ich schon immer mal«), in denen Kometen am Himmel leuchten, Erdbeben die Welt erschüttern und der Rheinische Hausfreund der heimischen Dorfgemeinschaft anhand des hiesigen Kirchturms erklärt, dass die Erde rund ist, nicht eben. Das Große im und anhand vom Kleinen also, und umgekehrt. Bei Welt ist es der große Buddy Holly, der auf der heimischen Bochumer Wilhelmshöhe spaziert, zumindest im Titel des 2006 erschienen Bandes, der seine ersten drei Romane enthält; andere Texte heißen Das dritte Ei. Sieben Sekunden, die uns mehr bewegten als der Mord an J.F. Kennedy, Bochum ist überall oder Nachtschicht. Endspielerlebnis auf den Schienensträngen und Fernsehfußball mit Mephistopheles. Sie holen das Geschehen der großen Weltbühne nach Bochum und knüpfen damit an die frühen musikjournalistischen Arbeiten an, in denen es auch galt, den großen amerikanischen Pop in die  Zeitungen der Bochumer zu bringen. Welt perfektioniert die Anekdote im doppelten Sinn, das heißt, er fast sie autobiographisch und hängt an ihr die mehr oder weniger großen Kometen-Anekdoten der sogenannten Welt- oder Zeitgeschichte auf – der neue Roman von Walser, die neue Scheibe von Grönemeyer, eine Band namens Geier Sturzflug, Alan Bangs wöchentliche Chartshow im WDR, verschiedene Fernsehsendungen, News und Klatsch vom Boulevard und anekdotisches zu Frank und Nancy Sinatra. Daran an- oder aufgehängt werden dann Öffnungszeiten der lokalen Kneipen und Lottoannahmestellen, deren wechselnde Besitzer und Belegschaft und wiederum deren Lebensgeschichten, Kriegsversehrte, marode Ehen, Hobbyangler. Fremde Anekdoten, kulturelles Allgemeingut und eigene Erlebnisse kommen so zusammen. Dabei fällt die unglaubliche Detailversessenheit seiner Texte auf, die aber nie manisch wirkt, sondern notwendig, wichtig, wie um nichts zu vergessen. So wird einmal die Aufstellung einer Kreisligamannschaft tabellarisch übernommen – man muss an Handkes bekannte Aufstellung des 1. FC Nürnberg denken – an anderer Stelle wird vermerkt, dass das Lokal XY nun einen neuen Besitzer habe und seitdem das Lokal soundso sei. »Ich wollte diesen Leuten ein Denkmal setzten, die sonst nicht mal einen Grabstein bekommen«, wurde Welt einmal irgendwo in einem Interview zitiert. Oft liest man in diesem Zusammenhang auch eine weitere Charakterisierung, die ihm genauso »scheißegal« sein dürfte wie all die anderen: die des Chronisten des verfallenden Ruhrgebiets. Nachfrage, ob man das so stehenlassen könnte? »Das Ruhrgebiet ist im Grunde ein Haufen Scheiße. Aber Chronist, das ist schon richtig.«

Das Ficken-oder-nicht-Ficken-Drama

»Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte mir Sabine am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester«
(Erster Satz aus Peggy Sue)

In die so sorgfältig aufgezählten, illusionslosen und dabei unbeschönigten Richtigkeiten des Alltags hinein spielen dann die gelegentlichen Anfälle; größenwahnsinnige »Trips« und »Rappel«, wie sie Welt selbst nennt, die ihn hin und wieder heimsuchen und damit alles auf den Kopf stellen. Früh wird bei ihm eine schizophrene Psychose festgestellt, die rechtzeitige Einnahme der Medikamente verhindert aber meist Schlimmeres. Wenn eben diese Welt der Bochumer Innenstadt aus den erzählerisch sorgfältig mit Details ausgefüllten Fugen gerät und Welt sein Tempo beschleunigt, entsteht eine Art magischer Realismus, ein Sog, der aus dem schnöden Grau einen farbigen Wahnsinnstrip macht und alles in der Umgebung mit hinein zu ziehen droht. Welt pilgert dann beispielsweise nach Dortmund, auf der Suche nach immer neuen Gegenständen, die er tauschen könnte, nimmt Kredite auf und bezieht alles gehörte und gelesene fortan auf sich. Einige der Trips enden mit der Einnahme der von Tesoprel, andere mit einem Aufenthalt in der Psychiatrie. Nicht weit entfernt und meistens schon am gefährlichen Ende der Trips steht dann – und das ist konsequent – die Verschmelzung der beiden simultanen Lebenswirklichkeiten, deren Unterscheidung im Normalzustand noch klappt; Komet und Dorf, eigener Alltag und Serie, Buddy Holly und Wilhelmshöhe eben. Plötzlich scheint nicht nur alles den durchs Leben Tapernden selbst zu betreffen, sondern mit einem Mal wird der Tapernde zu Buddy Holly selbst, oder wem auch immer. Die Linie, die die eigene Existenz von der sie auf- und ausfüllenden Pop-Anekdoten trennt, wird zu dem Grat, an dem sich Größenwahn und normale Verrücktheit unterscheiden. In Kein zurück, das vom ersten Aufenthalt in der Klinik 1983 erzählt, liest sich das so: »Als ich am Freitagmorgen aufstand, bildete ich mir ein, aus meinen Eltern seien Herbert Wehner und Marilyn Monroe geworden. Nur wer ich war, wusste ich noch nicht. »Ich geh mal Lotto abschicken«, sagte ich, und als ich oben auf der Flurgarderobe die Schlägermütze sah und aufsetzte, wusste ich, dass ich an diesem Morgen Brecht sein würde, fehlte nur noch die Zigarre.«

Der Idiot performt

»Der Roman. Ich habe erst einen Satz, einen Titel und einen Lektor. Den Satz könnt ihr schon mal haben: »Ich würd sie ficken.« Ein gutes Intro, find ich. Mehr will ich aber im Moment nicht verraten und geh nach Tchibo.« *(aus: Einmal Tchibo und zurück)

Nur, woher kommt dieser unbedingte Drang zum Schriftsteller-Sein? In Doris hilft jedenfalls liest Welt von Rainald Goetz‘ Skandal-Performance in Klagenfurt und stellt sich vor, selbst einmal dort zu lesen. »Aber erst mal musste ich ein Buch schreiben, und dazu hatte ich jetzt keine Lust.« Und auch lesen will er nicht: »Ich las kein einziges Buch in der Zeit, auch Irre nicht«. Ein Autor, der nicht liest und nicht schreibt; es geht also um einen, der sich zum Schriftsteller berufen fühlt, in dessen Bewusstsein lebt, aber am Beruf selbst nur wenig Interesse hat. »Vielleicht war ja mein Leben das Buch und brauchte nicht mehr geschrieben werden. Die, die mich kannten, konnten es lesen, und für manche war ich eben Hans Beimer.« Und weiter: »Ich werde der erste Autor, der einen Nobelpreis bekommt, ohne je ein Buch geschrieben zu haben.«
Es geht also um einen, dessen Leben selbst das Kunstwerk ist, der der es lebt, der Künstler. Wenn Schreiben und Tanzen die Disziplinen der Schriftsteller und Tänzer sind, dann wäre Welts Disziplin entweder das Leben oder die ihm eigene, mal mehr mal weniger erfolgreiche Art, es zu meistern, das »Tapern«. Und weil aber Leben keine ernsthaft anerkannte Kunstform ist, mit der sich auch Geld verdienen ließe, muss Welt den Gepflogenheiten eines existierenden Kunstmarktes entsprechen, und das ist eben – im Fall des Schriftstellers – das Publizieren von Texten.
Doch woher kommt die Auffassung, das eigene Leben könnte so ein Kunstwerk sein? »Später also dachte ich«, heißt es in Doris hilft dazu, gemeint ist nach dem ersten Aufenthalt in der Psychiatrie, »die hätten mir einen Sender eingepflanzt. Aber warum? Weil ich was ganz Besonderes war. Aber was?« Der vielleicht zentralste Satz des Buches ziert auch rückseitig der Suhrkamp Ausgabe.

Ich bin im Grunde kein Autor

Das einzige, was dieser Sprache in ihrer Unwissenheit um sich selbst nahe käme, wäre das Kino Eye eines Dzega Vertov. Und obwohl weiter oben bereits geschehen, verbietet es sich eigentlich, Welt mit Ausrufezeichen an Satzenden oder auch sonst zu zitieren. So sprechen »ernsthafte« Autoren wie Walser, wenn sie was zu sagen haben. Welt ruft nichts aus, dafür fehlt die Begeisterung, Welt schnurrt, oder brummt lakonisch – und damit ist zuerst der Erzähler, der in allen Romanen der gleiche ist, die Erzählerstimme gemeint, dann der etwas fragwürdig wirkende Mann gegenüber. Ob er denn überhaupt einer sei, so ein ernsthafter Autor, oder doch eher ein Hochstapler – die Frage ist erlaubt. »Ein Autordarsteller; ich bin im Grunde kein Autor, das ist alles zu künstlich bei mir.« Man fühlt sich an Christian Krachts Selbstbeschreibung als »Künstlerdarsteller« erinnert, oder an biographische Gesamtkunstwerke aus der Popgeschichte des vergangenen Jahrhunderts, wie Michael Jackson oder Marilyn Monroe. Ob dann nicht alle Autoren irgendwo Darsteller eines Autoren seien? »Das is ja so eine 100 Dollar Frage. Schon möglich.«
Interviews sind zäh mit Wolfgang Welt, solange jedenfalls, wie man ihn nach Literatur fragen zu müssen meint und dem Schreiben. Dass er zu Fiktion und Realität weniger sagen kann und will als zu Fiege Pils, Buddy Holly und dem legendären WDR Musikredakteur Alan Bangs liegt eben genau daran, dass er das schreibt, was er erlebt. Schreiben sozusagen als sekundäre Zweitverwertung des Gelebten, als Mitschrift vielleicht eines durch die Welt Irren(den), einer Lebensform. Mancher wirft Wolfgang Welts Schreibe Kunstlosigkeit vor; richtiger wäre eher, zu fragen, was Kunst und Kunsthaftigkeit denn sind und ob das eine das andere überhaupt notwendigerweise bedingen muss. Folgerichtig war der eigene Ansatz eines »vollwertigen« Interviews natürlich der falsche, und so wird aus dem eigentlichen Interview ein Verlegenheitsporträt, was ja auch wieder zu Welts Art Kunst zu machen passt.
Richtiger also wäre, Wolfgang Welt nach dem Leben zu fragen, seiner Version des Schreibens. Der vielmehr geeignete Interviewer für Welt müsste vom Playboy und nicht vom Feuilleton kommen. Das Thema Welts ist nicht die Literatur, sondern der Alltag; ist die Musik, sein Kosmos (»früher, aber jetzt auch nich mehr so«), die Bundesliga (»verfolge ich auch nich mehr wirklich«) und der sich anbahnende, aber dann nicht eintreten wollende nächste Fick.
Der Autor Wolfgang Welt, sein Werk, das ist die konsequente Performance einer Lebensart, ein Projekt. Das Leben als Kunstwerk. Das unterscheidet ihn scheinbar von anderen Autoren und nicht. Er eliminiert den Unterschied zwischen Kunst und Realität, das x aus der bekannten Formel der Naturalisten, Kunst=Natur. »Warum was erfinden, ist doch alles schon da?« Das absolute Werk ist das verhinderte Werk, Kunst pur wenn man so will. Seine Bücher sind ein großes Buch, ein Entwicklungsroman, ein Schelmenroman, wie Wolfgang Welt eben selbst. Man könnte sie als so etwas wie die Ausstellungskataloge zum eigentlichen Kunstwerk betrachten, aus Datenschutzgründen und sicherheitshalber mit veränderten Namen.
Der Kern des Welt’schen Werks liegt möglicherweise in seiner Konsequenz. Wo andere lebenslangen Fleiß für Karrieren, Laufbahnen, Romane, ganze Werke aufbringen, wo andere an Welts statt zumindest ab einem gewissen Punkt den augenscheinlichen Irrsinn fahren lassen würden, sich zu Veränderung gezwungen fühlten, weil sie das schlechte Gewissen packt, macht Welt weder sich selbst noch sonst wen verschonend weiter, ohne jemals Bestätigung zu bekommen. Keine Veröffentlichung, keine Authentifizierung des eigenen Werkes, des eigenen Weges von extern als den richtigen, der Holzweg ist gerade gut genug. Fortgesetztes Scheitern, ab und an Aufschreiben. »So ist das numal«. Das spiegelt einerseits Biographien wie die eine Hunter S. Thompson oder William S. Burroughs nach, hat aber andererseits auch viel mit dem Wahnsinn zu tun, auf den man als einen Aspekt des Werkes noch stärker eingehen muss oder sollte. »Meine Rezeption«, meint Welt, »geht im Grunde bisher völlig am Wahnsinn vorbei.« Die diagnostizierte Psychose, die Ausbrüche und Aufenthalte in der Klinik, mit denen Welt ja augenscheinlich kokettiert, machen das Aberwitzige des ohnehin schon Vorhandenen noch einmal eine Spur verrückter, aber auch fassbar, sie bannen es in einer Diagnose, einem Begriff. Genau hier kommen die vorhin angespielten Mitleid und Furcht ins Spiel, eleos und phobos, Katharsis nennt man das. Man sucht sich abzugrenzen, denkt sich, gottseidank, so verrückt bin ich ja auch nicht, freut sich seiner habhaft zu sein und prompt wird man getäuscht; denn die Erbärmlichkeit des Ideal Standard Lebens eines Herrn Müllers oder wem auch immer entspricht eben doch eins zu eins der des Versagers aus Bochum, die Wirklichkeit Welts der tausend anderer Menschen – »Bochum ist überall«, sagt Welt oder lautet der Titel eines Textes. Nur stellt Wolfgang Welt sie zur Schau, vertuscht sie nicht; Akzeptanz könnte man das nennen, das letzte Stadium auch des Sterbeprozesses. Wie wir die eigentliche Erbärmlichkeit des täglichen sich Durchwurstelns, des Sich und den eigenen Vorstellungen von sich Nicht-Genügens verdrängen, beiseite lassen in unseren Erzählungen von uns selbst, verdrängen wir auch erfolgreich das, was uns allen früher oder später blüht, der Tod. Akzeptanz. Wolfgang Welt ist also ziemlich viel weiter als die allermeisten.
Auch darf man sich nicht von der diagnostischen Verrücktheit, die alles in allem doch nur einen kleinen Teil seiner Prosa ausmacht, über die eigentliche, gesunde, Alltagsverrücktheit alias Erbärmlichkeit hinwegtäuschen lassen, die ja dann wieder, jenseits von eleos und phobos, uns selbst beträfe. »Der letzte Rappel ist auch schon wieder zwanzig Jahre her, die Medikation ist einfach zu stark. Als ich einmal, ’91 war das, die Medikation ausgesetzt habe, entgegen dem ärztlichen Rat, bin ich wieder in der Klinik gelandet, also was ich in Doris hilft ganz am Ende erzähle.« Nicht ganz unähnlich zu Max Frischs Stiller beginnt Welt dort, in der Klinik, einen Roman zu schreiben, als Therapie. Ob das gelingt? »Nö«.
Der Wahnsinn ist, wenn man so will, das Salz in der Suppe von Welts Romanen. Ob er denn nochmal einen schreiben wolle? Im Moment sei noch ein Roman in Arbeit, antwortet Welt, Arbeitstitel Fischsuppe, der Nachfolger zu Doris hilft, aus dem aber auch zwei werden könnten. Generell sei das Problem das Ausbleiben seiner Trips, die Medikation. »Seit 1999 bin ich sozusagen clean, keine Anfälle, keine Rappel mehr, seit ich eben die Tabletten nehme; und wenn kein Wahnsinn drin ist, ist das für den Verlag natürlich nix.« Schon öfter habe er sich gedacht, was wolle er denn jetzt noch erzählen, er könne genauso gut aufhören mit der Schreiberei, mit 60 Jahren. Ob er das so einfach könne, nicht mehr Schreiben? »Der Künstler kann wahrscheinlich nicht Leben ohne Künstler zu sein. Der Künstlerdarsteller schon.«
Warum war ich also in Bochum gewesen? Wolfgang Welt schreibt mir als Widmung ein krakeliges »Rave on!« – Höre nicht auf zu träumen – auf die erste Seite, mit Ausrufezeichen! Ob er denn noch träume? Das frage ich mich im Zug auf der Rückfahrt und kann es ihn nicht mehr fragen. Wer weiß?

Von Wolfgang Welt erschien zuletzt in den metamorphosen An der Baumgrenze (Nr. 11).