Ultraromantik

ERKLÄRUNG

von Leonhard Hieronymi

Science-Fiction und Romantik sind sich ähnlich. Es ist so.

Science-Fiction besteht ja eigentlich nicht aus möglichen Antworten, sie besteht aus Welten und romantischen Ideen: also aus der Naturbeobachtung, der Unsterblichkeit, dem Fernen, aber auch der Todessehnsucht und der Einsamkeit; sie besteht aus Doppelgängern, Lichtern auf fremden Planeten, außerirdischem Leben auf der Erde und – vor allem! – der Selbsterkenntnis des menschlichen Wesens.

Eine neue, aktuelle und anspruchsvolle Science-Fiction könnte als ultraromantische Strömung in die Literatur eingehen. Deutschsprachige Erzähltexte sind kurz davor, das Romantische zu revolutionieren und in einem Mix aus Science-Fiction und Romantik einen neuen Stil zu kreieren, nämlich den der Ultraromantik (oder Science-Romantik).

Das Gute ist, dass es keine Steigerungsform der Science-Fiction gibt – in Form einer Neo-Science-Fiction o.Ä. Die Ideale der Science-Fiction werden nie in Frage gestellt, nur erweitert. Die Romantik hingegen kennt nicht nur drei epocheninterne Perioden, sondern auch die Neuromantik und das Romantische. Vielleicht ist die neo- oder neu-neuromantische Epoche der Literatur die sich im Aufbau befindliche aktuelle fantastische Literatur und heißt Ultraromantik.

Aber es muss ein genereller Übergang und eine Verknüpfung zwischen Romantik und Science-Fiction stattfinden, damit die Ultraromantik entstehen kann. Und dieser Übergang wird gerade gefunden.

Die Übergangstexte sind der Dystopie nicht unähnlich. Die aktuellen Dystopie-Hybriden (Roman Ehrlichs Das kalte Jahr, Jakob Noltes Alff, Christian Krachts Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, Nis-Momme Stockmanns Der Fuchs oder Juan S. Guses Lärm und Wälder) sind Entwicklungsstufen hin zur Ultraromantik. In thematischen Ansätzen konnte man ultraromantisches Geflirre in Leif Randts Planet Magnon erkennen.

Die oben genannten Texte sind keine Science-Fiction, sie sind dystopisch, sie handeln oft von einem möglichen Weltuntergang, sie sind fantastisch und in ihrem Stil sind sie zum Teil romantisiert, d.h. die Figuren in diesen Texten sind einsam, sie wirken auf den ersten Blick kalt, sind aber sehnsuchtsvoll; hingegen fehlt ihnen scheinbar oft das Schwärmerische und Illusorische (für Vergangenes und für die Natur). Sie wirken als würden sie sich hilfeschreiend hinter einer schalldichten Bioglashülle befinden. Das scheinbar desillusionierte Leben der Figuren ist natürlich kein ultraromantisches. Der Ennui und die Desillusion müssen immer die größte Sünde der Ultraromantik sein.

Allerdings sind die Figuren der oben genannten Dystopien eben auch nur scheinbar desillusioniert, und nur deshalb können sie Übergangsfiguren sein. Immer wieder kann man erkennen, dass die Wand der Lethargie in diesen Texten durchbrochen wird. Entweder erschüttern geheimnisvolle Verstrickungen die Figuren, die sich in kargen und dunkelromantischen Welten bewegen, oder sie suchen Ausflüchte durch Gedankenexperimente, bauen Mondbasen und fliehen auf allen Kanälen aus ihrer Welt. Sie wollen die Gegenwart nicht, da sie diese als etwas extrem bedrohliches wahrnehmen. Die Figuren können diese Gefahr aber nicht näher erläutern, der Leser hingegen spürt sie. Die dystopische Figur in der aktuellen deutschsprachigen Literatur hat Angst vor der Leere und sie muss die Gefühllosigkeit, die ihr manchmal eigen ist, vernichten. Das Romantische in diesen Werken insistiert meist auf der Seelenlage der jeweiligen Figur und der Vernichtung ihrer vertrauten Umgebung. Sie bewegen sich und sie hören nie auf sich zu bewegen. Denn die Bewegungslosigkeit wäre das Ende jedes auch nur ansatzweise ultraromantisch handelnden Figurentypus. Es gibt zwar Verlangsamung, die Poesie ist, aber Verlangsamung, die Belanglosigkeit ist, die ist Bewegungslosigkeit und keine Poesie und keine Ultraromantik, sondern der Tod jeglichen literarischen Erzählens.

Die moderne dystopische Figur dürfte der deutschsprachigen Literatur also Hoffnung machen. Allerdings bewegt sie sich auf einem schmalen Grat, denn zwei Szenarien scheinen möglich: Entweder wird die dystopische Figur zur ultraromantischen Figur oder sie geht den Weg der Belanglosigkeit, indem ihre Gefühle einfrieren und ihre Seele stirbt.

Diese Figurentypen müssen der Einfachheit halber einen konkreten Namen erhalten: Die dystopische Figur ist der Commuter, die ultraromantische Figur der Profectus und die stillstehende, sich in die falsche Richtung bewegende Figur mit der toten Seele wird im Folgenden als Retardari bezeichnet.

Die Figur des Retardari hat unglücklicherweise bereits Eingang in die deutschsprachige Literatur gefunden. Diese Figur nimmt unsere Gegenwart zwar als etwas dezent Bedrohliches wahr, aber durch gravierendes Desinteresse und fehlender Selbsterkenntnis verliert sie alles, was sie zur relevanten literarischen Figur machen könnte. Die Autor*innen dieser Texte sind nicht in der Lage diese Bedrohung anhand der Figuren oder ihrer Umgebung zu veranschaulichen. Der Retardari zeichnet sich nicht nur durch Lethargie aus, sondern vor allem durch fehlende Empathie, fehlende Leidenschaft und der gänzlichen Abwesenheit von Eigeninitiative. Er langweilt stark.

Es ist allerdings schwer vorstellbar, dass sich der Retardari der Literatur längerfristig bemächtigen wird. Der Commuter der dystopischen Literatur wird sich weiter so bewegen, wie sich schon immer alles weiterbewegt hat. Er wird sich in die Richtung bewegen, die sich am Ende als die richtige herausstellen wird. Denn durch Lethargie entkommt man der Welt nicht, durch Schnelligkeit entkommt man ihr. Die Gegenwart nicht zu wollen, muss bedeuten, der Zukunft eine Chance zu geben. Der Retardari gibt der Zukunft keine Chance.

Die aus dem Commuter hervorgehende ultraromantische Figur des Profectus ist in ihren Eigenschaften das exakte Antonym zum Retardari: sie ist nicht gelangweilt, sondern immer auf der Suche. Sie ist interessiert an Neuem, sie ist leidenschaftlich, sehnsüchtig und schwärmerisch!

Was die Möglichkeit der parallelen Existenz dieser drei literarischen Figuren gesellschaftlich bedeutet, ist schwer zu sagen. Kippt der Commuter in die falsche Richtung, wäre das eine fatale und erschreckende Entwicklung. Figuren können verschwinden, aber tun es ja oft geläutert. Ein Verschwinden, das ohne Läuterung vonstatten geht, ist eine große Gefahr. Es gibt diese Gefahr in der aktuellen deutschsprachigen Literatur in Form des schwachen Retardari. Dieser fängt gar nicht erst an zu existieren, er ist von Anfang an verschwunden, so kalt und entfernt ist er vom abenteuerlichen Leben.

Werden die oben genannten Texte in Zukunft um eine stilistische Science-Fiction-Ebene erweitert und handelt der Commuter nach dem eben genannten Prinzip und verwandelt sich in den Profectus, indem er nicht in der Belanglosigkeit versinkt, dann gehören diese Texte augenblicklich zur Ultraromantik.

In den Texten der Ultraromantik kann es Technikphantasien geben, sie kann  Sozialutopien aufweisen und wenn die Handlung nicht sowieso in ferner Zukunft und auf fremden Planeten stattfindet, müssen mysteriöse Ereignisse oder auf außerirdische Lebensformen verweisende Elemente in der Gegenwart auftauchen, möglichst auch Raumvorstöße stattfinden et al. Es muss sich also vornehmlich um hypothetisch angenommene Situationen handeln, die diesen Texten hinzugefügt werden. Die romantische Wehmut, die sich nach dem Vergangenen sehnt, soll in der Ultraromantik durch eine andere, zukunftsbezogene Wehmut ersetzt werden: Eine Wehmut nach Unsterblichkeit und Unendlichkeit; der Unendlichkeit des Raums und der Unendlichkeit des Fortschritts, der Unendlichkeit des Abenteuers und des Neuen.

Was passiert, wenn sich die Science-Fiction und das Romantische also tatsächlich vereinen und nicht, wie in den oben genannten dystopischen Beispielen, nur an der Vereinigung vorbei schrammen?

Birgt ein Text klare Science-Fiction-Elemente und enthält außerdem romantische Motive (zum Beispiel die stilisierte und schwärmerische Beschreibung eines fotometrischen Doppelsterns/ die Einsamkeit im All/ die durch einen Roboter einem Menschen zugefügte Seelenpein/ Todessehnsüchte beim Anblick von Meteorstürmen), dann entwickelt das Werk eine besondere Form literarischer Energie. Das Romantische in der Beschreibung von Natur und Mensch und Technik und die uralte, von Kälte völlig befreite Sehnsucht der (niemals von Sehnsucht befreit werden könnenden) Menschen, das alles zusammen ergibt eine literarische Schnelligkeit und Intensität, die sich gänzlich vom realistischen Erzählstil und vor allem vom Erzähltempo vieler Texte junger Autorinnen und Autoren der letzten Jahre unterscheiden wird.

Warum?

Wenn sich die Figuren der Ultraromantik mit neuen Situationen und Hypothesen und Räumen abfinden und dabei keine neuen, sondern die alten (und damit endlich überhaupt mal wieder) Gefühle empfinden, dann gibt es für sie nicht mehr das Belanglose. Das Belanglose in der aktuellen jungen deutschen Literatur ist das Langweilige und Langsame und das absolute Gegenteil von »Sprunghaftigkeit«. Dabei bedeutet die Ultraromantik nicht immer unbedingt Schnelligkeit, das ist nicht gesagt. Sie bedeutet nur das Gegenteil von Lethargie, nämlich Enthusiasmus. Sie kann aber auch das Langsame und Stille begeistert aufnehmen. Aber brennen muss die Ultraromantik selbst für die Langeweile, sollte diese, in einem sehr unwahrscheinlichen Fall, doch irgendwo auftauchen.

Was die Gefühle der Figuren angeht: Die Gefühle der Figuren in ultraromantischen Texten müssen immer aufrichtig, die Figuren selbst stets begeisterungsfähig und leidenschaftlich sein. Auch die Beschreibung der Umgebung und Situation muss (wo nicht naturwissenschaftlich notwendig) immer schwärmerisch wirken. Der ultraromantische Autor glaubt an seinen Stoff, an seine Wunder und Wesen. Dadurch entsteht ein wilder, phasenweise auch surrealistischer Stil, der auf den ersten Blick künstlich wirkt, aber durch die Nacktheit des Autors und der speziellen Mischung aus dem Romantischen und der Science-Fiction zum exakten Gegenteil der momentan herrschenden und untragbaren literarischen Lethargie wird. Und deshalb brauchen wir die Ultraromantik.

Es ist viel, was da zusammenkommen könnte. Aber erst wenn sich der Gedankenkörper der sich im Äther befindlichen Ultraromantik die Gerippe der Science-Fiction einverleibt hat, ist absehbar, ob sie Genre bleibt oder sich ihr Denken zu einer Epoche entwickeln kann. Sicherlich beinhaltet sie eine Sehnsucht, die sich in allen Kunstformen finden lässt. Allerdings muss sie ein schweres Erbe antreten und sich letztendlich von den literarischen Formen, aus der sie sich speist, befreien. Denn die Science-Fiction ist sicherlich eine unauslöschliche literarische Gattung und das Romantische eine Schreibweise, die niemals sterben wird. Zusammen können sie aber eine Epoche bilden, die zwar nicht unbedingt von Dauer sein muss, aber eindringlich und bedeutsam sein könnte. Immer sollte man aber bedenken, dass die Ultraromantik von Anfang an alleine stehen muss, wenn sie beginnt zu existieren. Sie kann weder einer neue Periode der Romantik sein, noch ein Untergenre der Science-Fiction. Man liest einen ultraromantischen Text und wenn man den Begriff der Ultraromantik vor Augen hat, weiß man, dass es sich weder um ein romantisches Werk, noch um Science-Fiction handeln kann, sondern eben immer um ein ultraromantisches Werk handeln muss.


Leonhard Hieronymi, geboren 1987 in Bad Homburg, hat Informatik, Philosophie und Deutsche Literatur in Offenburg, Wien, Berlin und Mainz studiert und lebt in Hamburg. Er arbeitet für ein Reisemagazin, schreibt Science-Fiction unter dem Pseudonym Jakob Fries und veranstaltet alle zwei Monate die Literatursendung Ist das noch Literatur? zusammen mit dem Korbinian Verlag.